Ein Jahr Einzelhandel in Deutz: Eine Unternehmerin zieht Bilanz
Köln | Unternehmertum in Köln. Die Zeiten sind wirtschaftlich bekanntlich nicht mehr die besten. Wie hält man sich da im Einzelhandel über Wasser? Zwischen Mut, Mode und Durchhaltevermögen: Die „Schöne Müllerin“ in Deutz zieht Bilanz. Ein Jahr voller Höhen und Tiefen:** Yvonne Müller **hat mit ihrer Boutique auf der Deutzer Freiheit den Sprung in einen anspruchsvollen Einzelhandelsmarkt gewagt. "Ein eigenes Geschäft zu eröffnen, braucht Mut. Ein Modegeschäft zu führen, braucht zusätzlich ein gutes Gespür für Menschen, Trends und den richtigen Moment. Und wer sich im stationären Einzelhandel behaupten will, braucht vor allem eines: Durchhaltevermögen", sagt sie.
Yvonne Müller kennt diese Herausforderungen. Mit ihrer Boutique „Die schöne Müllerin“ hat sie sich einen persönlichen Traum erfüllt. Heute ist das Geschäft an der Deutzer Freiheit 111 zu Hause. Dort verbindet Müller moderne Damenmode und Accessoires mit persönlicher Beratung und einer Atmosphäre, in der nicht allein der Verkauf im Mittelpunkt stehen soll. „Du sollst dich wohlfühlen und gerne zu mir kommen“, lautet das Konzept der Inhaberin. Der Name ist dabei längst zum Markenzeichen geworden. Bereits bei der Gründung der Boutique in Köln-Poll hatte Müller eine besondere Verbindung zu dem Namen: Ihr eigener Nachname und ihre Begeisterung für den Film „Die schöne Müllerin“ führten zu der ungewöhnlichen Geschäftsidee. 2022 eröffnete sie damals innerhalb von nur sechs Wochen ihre Boutique in der Siegburger Straße.
Der Schritt nach Deutz bedeutete erneut einen Neuanfang. Ein neues Umfeld, neue Kundinnen und die Aufgabe, sich in einer gewachsenen Einkaufsstraße zu behaupten. Dabei setzt Müller bewusst nicht auf das Prinzip „Masse statt Klasse“. Ihr Sortiment richtet sich an Frauen, die tragbare, moderne Mode suchen und Wert auf Beratung legen. Angeboten werden unter anderem Damenbekleidung in den Größen 34 bis 48 sowie teilweise Oversize- und One-Size-Modelle. Dazu kommen Accessoires wie Taschen, Tücher, Gürtel, Hüte, Kappen und Schmuck. Eine Besonderheit: Auch größere Größen gehören selbstverständlich zum Sortiment. Damit versucht die Boutique, Kundinnen anzusprechen, die im klassischen Modehandel nicht immer die Auswahl finden, die sie sich wünschen. Zu den schönsten Momenten eines ersten Geschäftsjahres gehören für eine Unternehmerin oft nicht nur volle Einkaufstaschen. Es sind die Begegnungen. "Eine Kundin, die wiederkommt. Ein Kleidungsstück, das genau passt. Eine Empfehlung, die angenommen wird. Ein Gespräch, aus dem vielleicht erst später ein Einkauf entsteht", sagt sie. Genau hier sieht Müller eine der großen Stärken des stationären Handels. Während Online-Shops rund um die Uhr verfügbar sind und nahezu jedes Produkt mit wenigen Klicks bestellt werden kann, bietet ein kleines Fachgeschäft etwas anderes: Zeit, persönliche Beratung und die Möglichkeit, Kleidung unmittelbar anzuprobieren und gemeinsam einen Look zu entwickeln. Auf ihrer Website beschreibt Müller ihr Geschäft deshalb ausdrücklich als Ort, an dem man auch einmal auf einen Kaffee, ein Kaltgetränk oder ein Gespräch vorbeikommen könne. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Team. Auch besondere Verkaufsaktionen gehören zum Konzept. So können Kundinnen etwa beim sogenannten PinkEvent das Geschäft nach Ladenschluss exklusiv für eine kleine Gruppe buchen und in privater Atmosphäre shoppen. Doch hinter der hübschen Schaufensterfassade steckt harte Arbeit. Der stationäre Einzelhandel steht seit Jahren unter Druck. Onlinehandel, verändertes Konsumverhalten, steigende Kosten und die zunehmende Preissensibilität der Verbraucher machen es kleinen Fachgeschäften schwer, sich dauerhaft zu behaupten. Gerade in der Modebranche ist der Wettbewerb enorm. Kundinnen können Preise vergleichen, neue Kollektionen online entdecken und Kleidung bequem nach Hause bestellen. Für eine Boutique bedeutet das: Sie muss einen Grund liefern, warum jemand trotzdem durch die Ladentür kommt. Dieser Grund kann nicht allein ein niedriger Preis sein. Die Antwort der „Schönen Müllerin“ lautet persönliche Nähe. Müller versucht deshalb, ihr Geschäft nicht nur als Verkaufsfläche zu verstehen. Mode soll Spaß machen, Selbstvertrauen geben und gleichzeitig alltagstauglich sein. Das Sortiment wird immer wieder verändert und um neue Marken und Produkte ergänzt. Zuletzt kamen beispielsweise Elias Rumelis und Ecoalf hinzu. Damit wird aus dem klassischen Einkauf zunehmend ein Erlebnis. Das ist eine Entwicklung, die für viele kleine Einzelhändler entscheidend sein dürfte. Wer gegen die Bequemlichkeit des Onlinehandels bestehen möchte, muss seinen Kundinnen und Kunden etwas bieten, das ein Paketdienst nicht liefern kann: Persönlichkeit, Beratung, Vertrauen und ein Gefühl von Gemeinschaft. Das erste Jahr in einem neuen Umfeld ist deshalb vor allem eines: eine Lernphase. Welche Marken werden angenommen? Welche Größen werden besonders nachgefragt? Was funktioniert im Schaufenster? Welche Aktionen bringen Menschen ins Geschäft? Und wie gelingt es, aus einem einmaligen Einkauf eine langfristige Kundenbeziehung zu entwickeln? Die Antworten entstehen nicht am Schreibtisch, sondern täglich auf der Verkaufsfläche. Yvonne Müller bringt dafür einen großen Erfahrungsschatz mit. Bevor sie sich mit ihrer eigenen Boutique selbstständig machte, war sie viele Jahre im Einzelhandel und in der Möbelbranche tätig. Gerade der persönliche Kontakt zu Menschen habe ihr dabei gefehlt – eine Erfahrung, die letztlich auch ihren Weg in die Modebranche prägte. Ein kleines Modegeschäft kann den Wandel im Einzelhandel nicht aufhalten. Es kann aber zeigen, dass stationärer Handel auch heute eine Zukunft haben kann – wenn er sich auf seine besonderen Stärken besinnt.
Die „Schöne Müllerin“ steht dabei für einen Einzelhandel, der nicht anonym sein möchte. Hinter dem Geschäft steht eine Unternehmerin, die selbst präsent ist, ihre Kundinnen kennt und ihr Sortiment immer wieder an deren Wünsche anpasst. Vielleicht ist genau das die wichtigste Bilanz nach einem Jahr: Erfolg im Einzelhandel lässt sich nicht allein in Verkaufszahlen messen. Er zeigt sich auch darin, ob Menschen gerne wiederkommen. Und so beginnt für die „Schöne Müllerin“ nach dem ersten Jahr bereits das nächste Kapitel – mit neuen Kollektionen, neuen Ideen und der täglichen Herausforderung, zwischen Onlinehandel, steigenden Kosten und verändertem Einkaufsverhalten ihren eigenen Platz in Deutz zu behaupten.